Früher. Früher – so erzählt der Otto aus der Auslieferung – früher, da gab es noch Betriebsausflüge nach seinem Geschmack.
Man traf sich an einer Dampferanlegestelle und schipperte den Fluss entlang. Erst bei Kaffee und Kuchen und netten Gesprächen. Später dann bei einem Glas Wein oder einem Bierchen mit fröhlichem Gesang. Mit leichtem Seegang in den Beinen kam man abends nach Hause und war sehr beschwingt nach solch schönem Tag.

Otto bekommt leuchtende Augen, als er mir davon erzählt.  Ich habe ihm nämlich in meiner Funktion als Personalchefin verkündet, dass wir – das heißt der ganze Betrieb – am kommenden Freitag etwas zusammen unternehmen. Dieses „etwas“ bedeutet in unserem Fall, dass wir eine Teambuilding-Maßnahme mit anschließendem Picknick machen. Wobei das Picknick ein Bestandteil dieser Maßnahme sein wird. Zuvor soll der kleine Wald nach Schätzen durchsucht werden. Per GPS und in kleinen durch Coaches geführten Gruppen.

Das Ganze hatte ich Otto als fröhliche Wanderung mit anschließendem Essen verkauft. Jetzt hatte ich ein schlechtes Gewissen und wollte ein wenig mehr Aufklärung betreiben: „Du Otto – du erinnerst dich doch sicher an unseren Ausflug im letzten Jahr mit dem Junior-Chef?“ Schnell ist mir klar, dass ich schon wieder einen Fehler gemacht habe. Ottos Kopf wird hochrot, seine Stimme lauter als sie ohnehin schon ist. „Du meinst diese Geschichten mit dem Fallenlassen und den Eiern?“
Stimmt, ich hatte aber bereits einiges davon verdrängt. Sie kennen doch bestimmt Vertrauensspiele, oder? Ich meine diese Spiele, wo sich eine Person mit geschlossenen Augen nach hinten fallen lässt und ein oder mehrere andere Menschen sie auffangen? Das kann Sinn machen. Bei uns ist das gründlich danebengegangen. Bei ein paar Mitarbeitern hatte es tatsächlich hervorragend funktioniert. Bis Igor aus der Produktion an die Reihe kam. Igor ist gefühlte zwei Meter lang und zwei Meter breit. Ein gestandenes Mannsbild eben, würde man in Bayern sagen. Bevor der damalige Coach hatte einschreiten können, hatte sich der Hüne vor die Gruppe gestellt, die Augen geschlossen und war wie ein gefällter Baum nach hinten gestürzt. Das zeugte von großem Vertrauen bei ihm. Vertrauen, das die anderen anscheinend nicht in sich selbst hatten, denn sie waren wie eine aufgeregte Hühnerschar auseinander gestoben, als Igor ins Wanken geraten war. So landete der Hüne unsanft auf der Wiese. Zum Glück hatte er sich nichts getan und war auch niemandem böse.

Otto hatte allerdings mehr die Teamlösungs-Problemaufgabe von damals im Sinn. Der Coach war mit mit den Mitarbeitern auf das Dach eines zweistöckigen Hauses gestiegen und hatte Arbeitsmaterial verteilt und Gruppen eingeteilt.
Es gab pro Gruppe 3 Luftballons, Watte, ein wenig Tesafilm, 3 kleine Plastikbeutelchen, etwas dünne Schnur, 3 Blatt Papier und 1 Ei.
Aufgabe: Das Ei sollte unversehrt unten beim Chef landen. Der natürlich nur aus diesem Grund unten geblieben war. (Ich als seine Assistentin übrigens auch.) Der Sinn der Sache war, dass in Gruppen – also im Team – ein Problem erörtert und bestenfalls gelöst werden sollte.

Bei einigen Teams lief das nicht wirklich schlecht. Vier Frauen hatten das Ei so gut wie möglich in alles zur Verfügung stehende Material eingepackt und wollten es mit den aufgepusteten Luftballons nach unten befördern. Leider hatten sie bereits die Schnur verbraucht und konnten das Ei-Päckchen nicht mehr daran befestigen. So trat das Ei den Weg nach unten an, die Luftballons stiegen in die Luft und die Mädels hatten Spaß.

Schmidt und Smith aus der Fertigung waren die handwerklichen Asse bei uns und hatten die Azubis zur Unterstützung in ihrer Gruppe. Diese Gruppe funktionierte so gar nicht, denn die beiden Herren ließen die Jugendlichen erst gar nicht zum Zug kommen und konstruierten einen so genialen „Eier-Fallschirm“, dass das Ei wohl auch einen Flug aus einem Hochhaus überstanden hätte.

Und unser Otto? Otto war manchmal ein klein wenig ungeduldig und hatte in seiner Gruppe seiner Meinung nach nicht genügend Aufmerksamkeit bekommen. Irgendwann war ihm der Geduldsfaden gerissen und er hatte das Problem auf seine Art gelöst. Er hatte sich das Ei geschnappt und ungeschützt über die Dachkante geworfen, um brabbelnd selbst die Treppe nach unten zu nehmen. Zwar hatte auch hier der Teamgeist nicht erweckt werden können, aber zwei Menschen hatten an diesem Tag großes Glück gehabt. Otto und der Chef. Das Ei hatte in seinem ungeschützten Fall den Geschäftsführer nämlich nur knapp verpasst und dieser nahm die Sache mit Humor.

Nachdem ich Otto die Wahrheit über unser diesjähriges Event gesagt hatte, grinste er. „Ach du meinst Geo-Caching?! Das liebe ich – da bin ich dann gern dabei!“

Lassen Sie sich überraschen – vielleicht gibt es auch bald bei Ihnen am Arbeitsplatz die Ankündigung zu einer gemeinsamen Veranstaltung!

Liebe Grüße
Ihre Heidi Initiativia