Es gibt Tage, da liebe ich meine Arbeit, mein Büro, meine Kollegen und meistens auch meinen Chef. Aber es gibt auch andere Tage, Tage auf die ich gut verzichten könnte. Am Freitagabend sitze ich gefrustet hinter meinem Schreibtisch und lasse die letzten Tage Revue passieren.

Können Sie sich vorstellen, dass wir seit Wochen ergebnislos auf der Suche nach einem neuen Kollegen oder einer neuen Kollegin für das Sekretariat sind? Wir schalten Stellenanzeigen, posten in sozialen Netzwerken und setzen auf die Kontakte unserer Mitarbeiter. Fast jeden Tag landen Bewerbungen in meinem elektronischen Postfach oder auf  meinem Schreibtisch. Viele hören sich motiviert und vielversprechend an und oft würde ich die Bewerber, die sich dahinter verstecken, gern kennenlernen. Genau hier beginnt die Problematik.

Schon der Erstkontakt kann schwierig sein, denn manchmal bekommt man nicht einmal eine Antwort auf einen Terminvorschlag zum Vorstellungsgespräch oder man landet telefonisch wieder und wieder auf der Mailbox. Das ist allerdings eher selten.  Für den Mittwoch hatten mein Chef und ich einen Bewerbertag terminiert. Die infrage kommenden Bewerber waren im Stundentakt zum Jobinterview eingeladen worden und alle hatten den Termin bestätigt.

Um 8 Uhr sollte die erste Bewerberin kommen. Ich saß in meinem Büro und wartete vergeblich, denn die junge Dame erschien erst gar nicht. Drei andere Kandidaten taten es ihr gleich, wobei es immerhin einer schaffte, mich am späten Nachmittag anzurufen. Um mir mitzuteilen, dass er verhindert gewesen war und gern einen neuen Termin hätte. Warum er sich nicht früher gemeldet hatte, würde ich gern wissen. Eine richtig schlüssige Antwort bekam ich nicht, er schwankte zwischen einer dringenden Familienangelegenheit und einem verhängnisvollen Schnupfen.

Somit durfte ich fünfmal ein Vorstellungsgespräch führen. Nach zwei Gesprächen stand fest, dass wir es bei diesem einen Gespräch belassen würden, dreimal sah es recht vielversprechend aus. Wie immer ließ ich allen Bedenkzeit, sie sollten sich am nächsten Tag bei mir melden.  Das ist ein Tipp meines Chefs: Man sollte wichtige Entscheidungen eine Nacht „überschlafen“, um keine übereilten Entschlüsse zu treffen.

Donnerstag riefen zwei der Bewerber an, um ihr Interesse zu bekunden und wir vereinbarten ein kurzes Probearbeiten für den kommenden Tag. Ein junger Mann, der ebenfalls in der engeren Auswahl gelandet war, meldete sich nicht, was ich als Desinteresse interpretierte.

Morgens bereitete ich mich auf die beiden verbliebenen Bewerber vor. Der Arbeitsplatz wurde hergerichtet, die Firmenbroschüre bereit gelegt und eine schriftliche Arbeitsanweisung landete ebenfalls auf dem Schreibtisch. Es hatte sich bewährt, dass man das, was man erklärt noch einmal schriftlich fixiert. Denn viele Bewerber denken in ihrer Aufregung nicht daran, sich selbst Notizen zu machen.

Word und Excel seien seine Spezialgebiete, hatte Mark P. erklärt. Also ging ich davon aus, dass es weder grammatikalisch noch rechnerisch irgendwelche Probleme geben sollte. Der junge Mann kam sehr pünktlich und hörte aufmerksam zu, als ich ihm seine Aufgabe erklärte. Er sollte eine Tabelle nach vorgegebenen Zahlen erstellen und dazu ein Diagramm anfertigen. Außerdem hätte ich gern eine kurze Auftragsbestätigung zu einem vorliegenden Angebot gehabt. Fragen hatte er keine und machte sich selbstbewusst an die Arbeit. Nach drei Stunden war er immer noch nicht fertig, deshalb erklärte ich die Aufgabe als beendet und schickte ihn erst einmal nach Hause.

Mittags kam Maria B. zur ausgemachten Zeit strahlend ins Büro und sprühte vor Tatendrang. Sie hatte gleich offen und ehrlich gesagt, dass sie keinerlei Vorkenntnisse im kaufmännischen Bereich hat, aber bereit sei, alles zu lernen. So starteten wir mit kleinen Aufgaben. Vom Wesen her würde sie gut in unser Team passen, dachte ich gerade, als Maria auf ihre Uhr schaute. „Oh….so spät schon?! Es tut mir leid, ich muss gehen, denn ich habe noch ein weiteres Vorstellungsgespräch. Aber ich würde mich vielleicht später noch einmal bei Ihnen melden!“ Lächelnd reichte sie mir die Hand und verließ das Büro. „Ich würde mich vielleicht melden…..“, da musste ich wohl dankbar sein, oder?

Hoffnungsvoll machte ich mich daran, die Aufgaben zu kontrollieren, die der jetzt noch infrage kommende Bewerber erledigen sollte. Die Excel-Tabelle war in Ordnung und entsprach meinen Wünschen. Die Auftragsbestätigung vernichtete jedoch alles Positive. Darin stand unter anderem „Gern nemen wir den Auftrag an und währen dankbar, wenn Sie uns ……“

Ich schreibe also die Absagen und überlege, ob ich künftig vielleicht folgenden Passus in meine Antworten auf Bewerbungen aufnehmen soll: „Sie möchten, dass wir unsere Termine einhalten, auf das Bewerbungsgespräch vorbereitet sind und dass wir rechtzeitig absagen, wenn wir verhindert sind?
Das verstehen wir und freuen uns, wenn Sie selbst das genauso praktizieren.“

Ihre Heidi Initiativia