Kennen Sie das? Sie stehen tiefenentspannt im Supermarkt, durchstöbern die Sonderangebote, als eine Lautsprecherdurchsage durch die Hallen schallt: „Frau Müller, die 13! Frau Müller, die 13 bitte!“ Irritiert legen Sie den TK-Fisch wieder in die Truhe und überlegen nach der Bedeutung dieser geheimnisvollen Ansage.

Mit ein wenig Glück sieht man kurz darauf eine Mitarbeiterin im Eiltempo zu einem geheimnisvollen Ziel rasen. Sie schlussfolgern, dass das soeben die Frau Müller gewesen ist. Wie ist das denn hier mit dem Datenschutz? Jetzt weiß jeder, dass die junge Frau mit den roten Haaren und der Brille „Müller“ heißt. Ist das zulässig? Ist es. Denn viele Mitarbeiter tragen schließlich auch Namensschildchen.

„Die 13“ – was in aller Welt verbirgt sich dahinter? Das kann alles Mögliche sein. Dinge, die nun wirklich nicht jeder wissen muss. Vielleicht ist es einfach nur eine nette Erinnerung, dass die Mitarbeiterin ihre wohlverdiente Pause antreten soll. Eventuell könnte das aber auch heißen: „Frau Müller SOFORT zum Chef, aber zackig!“ Das würde Unheil bedeuten – großes Unheil.
Meistens ist der Grund ganz banal. In diesem Fall, dass Frau Müller die Abteilung 13 anrufen soll und die Frau Müller von eben vielleicht gar nicht Frau Müller war.

Mein Chef fand diese Verschlüsselung so faszinierend, dass er eine Sprechanlage installieren lassen wollte. Sie müssen wissen, unser Betrieb besteht aus einem Bürobereich mit drei Räumen, einer nicht allzu großen Produktionshalle und den unvermeidlichen Duschen und WC´s. Wie viel Sinn würde da eine solche Installation machen? Wenn man eigentlich nur ein oder zwei Türen öffnen muss, um den gewünschten Ansprechpartner zu finden? Ich hatte gelernt, dass es bei manchen Sachen keinen Sinn macht, dem Boss zu widersprechen. „Cheffing“ nennt man das. Das ist ein aktueller Ausdruck dafür, dass die Mitarbeiter ihre Vorgesetzten meist mit gekonnten rhetorischen Mitteln in eine gewünschte Richtung schieben.

Zurück zum Projekt Sprechanlage. Ich war angewiesen worden, Kostenvorschläge dafür einzuholen. Der Chef setzte sich damit auseinander, eine geheime Codeliste mit dreistelligen Codes zu erstellen. Die 100 stand für „Kaffee für den Chef“, mit der 150 wurde man in das Chefbüro geordert, die 333 läutete die Mittagspause ein usw.
Insgesamt schaffte er es, 48 Anweisungen zu codieren. So müsste sich jeder Mitarbeiter diese 48 Punkte merken oder eine entsprechende Liste immer mit sich führen. Ich setzte „Cheffing-Ratschläge“ ein. „Es wäre toll, wenn das mit der Codierung funktionieren würde. Aber vielleicht ist diese Methode nicht wirklich für unsere Belange geeignet!?“ Chefchen war sicher: „Natürlich, ich habe mir das lange durch den Kopf gehen lassen!“ Auch andere „Tricks“ aus dem Internet-Coaching für das Führen von Chefs zeigten keine Wirkung.

Die Höhe der Kostenvoranschläge war recht ordentlich und überstieg auch die Größenordnung, die sich mein Vorgesetzter als Ziel gesetzt hatte. Nichtsdestotrotz war er fest zur Umsetzung des Projekts entschlossen. Große Ziele erfordern nun einmal Opfer. Diesem Projekt würde dann eben die Umgestaltung des Pausenraumes zum Opfer fallen!

Kurz vor der Auftragserteilung brachte ich ihm die 100 ins Büro und stellte den heißen Kaffee auf seinen Schreibtisch. Traurig schaute ich ihn an und knüllte mein Taschentuch in der Hand. Irritiert schaute er mich an.
„Was ist denn mit Ihnen los? Kann ich Ihnen helfen?“ Das wiederum entlockte mir einen Schluchzer. Ich schniefte. „Nie wieder werde ich das so hören!“ – „Frau Initiativia, die 100“, wird es künftig heißen. Nie wieder werden Sie mit den Arbeitern in der Produktion diskutieren. Meier, Schulz und Schmidt – die 150“, wird es durch die Räume schallen.“ Ich drehte mich um. Meine Schultern zuckten und ich nuschelte: „Wir werden Sie vermissen, Chef!“ So verließ ich sein Büro und legte einen Zettel auf meinen Schreibtisch. „Frau Initiativia – die 144“ stand darauf. Entcodiert hieß das, dass ich mich für den Rest des Tages krank meldete.

Am nächsten Tag baute sich mein Chef nahezu drohend vor meinem Schreibtisch auf, schaute mir ernst in die Augen und sagte: „Frau Initiativia, wir werden keine Sprechanlage installieren! Und jetzt die 100 bitte 😉 “

Sie sehen – Cheffing und eine gewisse Codierung funktionieren wirklich! Man muss es nur versuchen!

Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!
Ihre Heidi Initiativia