Unsere Auszubildende Sara möchte einen Qualifizierungs-Kurs in Englisch machen, mein Chef wird das bezuschussen. Ich als Personalchefin überlege: Was bringt das unserem Unternehmen? Schließlich sind wir kein Konzern mit weltweiten Kontakten und haben keine Filialen in anderen Ländern. Ich zweifele viel mehr an Sara´s Deutschkenntnissen und möchte ihr eher da einen Coach zur Seite stellen. Die Kenntnis der eigenen Muttersprache sollte im Prinzip zuerst einmal hervorragend sein oder?

Manchmal habe ich Verständigungsprobleme mit ihr.  Zum Beispiel wenn sie etwas „überkrass“ findet, den Tag „übelst“ anstrengend oder wenn sie mir erzählt, dass sie mit ihrem Freund „beef“ hat.  Beruhigt bin ich erst dann, wenn sie mich darüber aufklärt, dass sie nach dem „beef“ (Streit) gechillt und sich bei Burger und Pommes wieder versöhnt haben.

Seufzend schiebe ich diese Gedanken daran beiseite und wende mich meiner To-Do-Liste des Tages zu. Erster Punkt: Den Laptop starten und meine E-Mails checken, danach ein Meeting vorbereiten. Der Seniorchef kommt wenig später ins Büro, im Schlepptau eine etwas bedrückt dreinschauende Sara. Ich signalisiere, dass ich einen Moment Zeit brauche, denn ich skype gerade mit unserem ITler: „Immer wenn ich in unserem Firmenblog einen Artikel poste, gibt es Probleme. Muss da ein Update gemacht werden oder könnte ein Plugin Probleme bereiten?“ will ich wissen. Der Experte denkt kurz nach, verspricht mir aber, sich darum zu kümmern und wir gehen off.

Nun kann ich mich dem Senior zuwenden, der noch mehr die Stirn runzelt: „Ich verstehe nur Bahnhof, zum Glück muss ich mich mit so etwas nicht mehr befassen!“ Allerdings hat er ein ganz anderes Problem. Unsere Auszubildende bzw. deren Aussehen. Er findet enge Jeans und Top als angehende Bürokauffrau schon seit längerem unangemessen. Nach ihrem Friseurbesuch hatte er den Figaro verklagen wollen, denn seiner Meinung nach war der Ombré-Look ein grober handwerklicher Fehler. Als er eben bemerkt hatte, dass sich Sara ein Piercing zugelegt hatte, war er beinahe in Ohnmacht gefallen. „So geht das nun wirklich nicht! Wenn sie schon kein Kostüm trägt und sich die Haare nicht zum Zopf macht… aber SO kann man wirklich nicht im Büro herumlaufen!“ Sara gibt irgendetwas von persönlicher Freiheit und antiquierten Ansichten von sich. Nur leise und nur für sich, aber der Senior hatte das trotzdem verstanden. Er läuft hochrot an, verfällt in Schnappatmung und ich bekomme Angst um ihn und sein Wohlbefinden. Seine Stimme dröhnt durch den Raum: „Fräulein Sara, ich darf mir wohl ein wenig Respekt von Ihnen ausbitten! Als Lehrling muss man sich durchaus etwas sagen lassen und ich möchte keine Widerworte hören! Eine nette junge Frau wie Sie muss doch auf ihr Aussehen achten!“

Es beginnt brenzlig zu werden, denn Sara ist sehr selbstbewusst und lässt sich nicht die Butter vom Brot nehmen. Außerdem ist sie sehr diskutierfreudig. Als sie tief Luft holt, beschließe ich, mich zunächst in die Rolle des Schiedsrichters zu begeben und die beiden gewähren zu lassen. „Also, ich sehe das so!“ beginnt Sara, wird einen halben Meter größer und baut sich vor dem Chef auf. (Kennen Sie das, wenn eine ganz kleine Katze sich durchsetzen will und auf einmal doppelt so breit und hoch erscheint, wie sie eigentlich ist? Sara mutiert gerade zu solch einer menschlichen Riesenkatze 😆 )
Selbst der sonst so robuste Senior sieht beeindruckt aus.
Noch ein tiefes Einatmen von Sara. „Also, ich sehe das so: Sie sind hier der Chef und haben Weisungsbefugnis, das ist Fakt. Ich passe mein Äußeres durchaus meiner Ausbildung an. Meine Kleidung ist sauber und ordentlich, die Frisur ist Geschmackssache und das Piercing ist so winzig, dass man fast eine Lupe braucht. Meiner Meinung nach sind Sie solch ein loyaler und toleranter Chef, dass Sie die Qualität meiner Arbeit werten und nichts anderes!“

Noch nie in den vergangenen zwei Jahren habe ich gehört, dass Sara sich derart gewählt ausdrückt. Ich bin sprachlos und der Chef auch. Sara hatte dabei ihr allerliebstes Lächeln aufgesetzt, ihre Augen funkeln und sie ist mittlerweile wieder total entspannt.

Runde 2: Der Chef ist an der Reihe. Auch er holt ganz tief Luft, läuft wieder rot an und – beginnt zu lachen. Er lacht solange, bis er völlig außer Atem ist und die Tränen kullern. Als er sich wieder einigermaßen gefasst hat, meint er: „Mädchen du bist vielleicht eine Marke! Aber weißt du was? Ich verstehe Frau Initiativia manchmal mit ihren ganzen Fachausdrücken ebenso wenig wie dich! Was aber am Ende zählt ist, dass wir alle immer wieder eine Verständigungsbasis finden, stimmt´s?“

Dem ist nichts mehr hinzuzufügen, denke ich. Miteinander reden ist das Wichtigste, denn nur so lassen sich Probleme aus der Welt schaffen! Ach ja, Sara macht übrigens fleißig und interessiert den Englischkurs und wir arbeiten weiter an unserer Kommunikation.

Liebe Grüße
Ihre Heidi Initiativia