Wie Sie sicher schon bemerkt haben werden, gehört mein Chef zu den modernen Vorgesetzten. Also zu den Chefs, die ein etwas persönlicheres Verhältnis zu ihren Mitarbeitern haben und die außerdem um deren Wohl besorgt sind.

Manchmal ist diese Fürsorge für beide Seiten etwas problematisch, diese schmerzvolle Erfahrung musste mein Chef kürzlich machen.

Jeder weiß, dass einseitige Tätigkeiten schädlich sind. Man bekommt „Rücken“, die Muskeln verspannen sich und die Psyche wird außerdem gefordert. „Schreibtischtäter“ sind ebenso betroffen wie Menschen, die schwer körperlich arbeiten. Da musste Abhilfe her. Beschlossen und verkündet wurde, dass es ab jetzt jeden Tag 20 Minuten Training unter professioneller Anleitung geben würde.

Otto, unser Berliner Urgestein, war nicht zu begeistern. „So´n Quatsch, det könnt ihr alleene machen – nicht mit mia!“ (Immer, wenn er richtig genervt war, verfiel er in seinen Heimatdialekt).
Leuchtende Augen dagegen bekam Azubi Pepe. Er sah schon einen optimal ausgestatteten Fitnessraum vor seinem geistigen Auge, natürlich mit einem Personaltrainer.

Fitness ist Chefsache, also fuhr dieser höchstpersönlich am Freitagnachmittag los, um alles Notwendige zu veranlassen.  Die Gerüchteküche brodelte. Das Wochenende stand vor der Tür, so hatte er mehr als zwei Tage Zeit, um alles vorzubereiten. Hilfe für seine Planung hatte er ausdrücklich abgelehnt, nachdem er den großen Kellerraum als absolute Sperrzone ausgerufen hatte. Selten waren die Mitarbeiter so ungern ins Wochenende gestartet wie an diesem Tag. Es war ein wenig wie Weihnachten. Geheimnisvoll und spannungsgeladen.

Aber auch solch ein Wochenende geht vorbei und wie immer trudelte am Montagmorgen die Belegschaft ein. Es war eigentlich wie immer. Fast jedenfalls. Denn Pepe erschien mit einer überdimensionalen Sporttasche. Er jedenfalls war für alles gerüstet, was an diesem Tag an sportlichen Aktivitäten auf ihn warten könnte.

Kurz vor der Mittagspause musste ich alle Schäfchen zusammentrommeln und wir versammelten uns wie eine Schulklasse vor der Kellertreppe. Unser Chef kam und schaute jedem von uns kurz und bedeutungsvoll in die Augen. „Ich hoffe, dass jeder etwas Bequemes angezogen hat! Schließlich wollen wir uns bewegen!“
Otto war wider besseres Wissen auch da, schnaubte aber etwas entrüstet: „Ick bin keene 20 mehr!“, während Pepe schon in einen leichten Aufwärmtrab verfiel. Auszubildende Sara nutze die Spiegel-App auf ihrem Smartphone, um noch einmal ihre Frisur zu richten und das Make-Up zu kontrollieren. Alle anderen harrten der Dinge, die da kommen sollten.

Die Kellertür wurde geöffnet und wir sahen – erst einmal nicht viel. Am Kopfende des Raumes hing eine Leinwand, an der einen Wand stapelten sich Iso-Matten. Beim näheren Umschauen entdeckte ich einen Beamer.  Ratlose Gesichter bei der Belegschaft, strahlende Augen beim Chef: „Na – was sagt Ihr?“ Tja, was sollten wir sagen? Pepe hatte noch Hoffnung: „Chef, sollen wir etwas tragen, brauchen Sie noch Hilfe?“ (Hantelbänke & Co. haben schon ein stattliches Gewicht und er dachte, dass der Raum noch damit möbliert werden würde.)

Hilfe war nicht nötig, denn unser allseits geliebter Chef hatte bereits den Beamer gestartet und eine DVD mit irgendeinem Fitnesskurs in Gang gesetzt. Für jeden gab es eine Iso-Matte, einen Hocker, ein Therapieband und eine Trinkflasche mit Wasser. (Solch aufwändige Investitionen rechnen sich immer! Der Steuerberater hatte das auch abgesegnet.)
Auf der Leinwand war die junge Frau gar nicht mehr zu bremsen, die Musik sollte alle mitreißen und sie verrenkte sich so strahlend, als ob sie gerade 6 Richtige im Lotto gehabt hätte.

Otto verzog sich schnell, nachdem er irgendwas von dringenden Terminen vor sich hin genuschelt hatte, ich machte gute Miene zum bösen Spiel und bewegte mich. Wenigstens ein wenig. Damit es so aussah, als ob ich das Unterfangen unterstützen würde. Was die Kollegen machten, konnte ich nicht sehen, denn sie standen hinter meinem Rücken. Unser Chef mutierte zum Leitwolf und machte alles, was die Fitness-Lady auch tat. Ungefähr 5 Minuten lang. Dann blieb er wie eine Statue vor mir stehen, die Arme in die Luft erhoben und zischte mir schwer atmend zu: „Beende die Veranstaltung, aber schnell!“

Als alle anderen den kuscheligen Kellerraum verlassen hatten, stand er immer noch in der gleichen Position. Nun begann ich, mir Sorgen zu machen. Zu Recht, denn der Gute hatte eine falsche Bewegung gemacht und konnte sich kaum bewegen. Langsam, ganz langsam geleitete ich ihn zu einem Hocker und drückte ihm seine Trinkflasche in die Hand. So musste er ein wenig ausharren, bis ich den Arzt in geheimer Mission in den Keller geleitet hatte. Natürlich durfte das niemand mitbekommen.

Am nächsten Tag sah man den Chef meistens in seinem Schreibtischsessel, nur ab und an machte er einige wenige und ganz behutsame Bewegungen. Der Kellerraum wurde in Dornröschenschlaf geschickt und alle Mitarbeiter bekommen seit dem einen Zuschuss zu einer sportlichen Betätigung ihrer Wahl.

Einen schönen Tag in die Woche wünscht Ihre
Heidi Initiativia